Beine in die Hand

Wenn die Wachen zu reden anfangen, nehme ich die Beine in die Hand und renne davon. Ich habe alles schon unzählige Male gehört und dass zwei Sprecher grob geschätzt 500 Figuren eingesprochen haben, macht es nicht besser. Das was sie sagen ist so blöd, so stumpf, dass es schon beim ersten Mal nervt. Aber irgendwie passt das auch. Ich will ja genau das, eigentlich. Ich will das ewig sich wiederholende, niemals überraschende, immer berechenbare.

Das Leben ist stressig, ständig müssen Standpunkte bezogen und Entscheidungen getroffen werden. Wenn es einmal zu laufen scheint, kommt etwas unvorhergesehenes des Wegs und wirft all die hübschen Pläne durcheinander. Das ist frustrierend. Doch hier regt mich nichts auf, nichts überrascht mich. Ich öffne das immer volle Questlog. Es gilt einen Banditenanführer zu erschlagen. An meinem Heimatort sehe ich rasch zu, dass meine Taschen und die meiner Begleiterin möglichst leer sind. Ich erwarte reichlich Beute. Nachdem ich überflüssiges verkauft und für später benötigtes in einer Kiste verstaut habe, reite ich in Richtung der Banditenhöhle. Hier marschieren wir ein, ohne anzuklopfen, schlagen alles zusammen und klauen, was nicht niet- und nagelfest ist. Zurück in der Heimat, hole ich mir die Belohnung beim Jarl ab und verscheuere alles, was ich nicht brauche. Ich schmiede ein wenig, betreibe etwas Alchemie. Die Werte verbessern sich, ein Stufenaufstieg naht. Gesundheit oder Ausdauer? Magie brauche ich nicht, zumindest nicht jetzt.

Hundert Stunden habe ich schon wieder auf der Uhr, hundert Stunden Grind, der die Welt bedeutet. Das Außen ist so laut, dass ich die Ruhe im Inneren brauche. Glatt, klar, berechenbar. Diese Axt ist besser als die letzte, denn sie verursacht 80 statt 76 Schaden. Ich behalte die Axt und weiß genau, dass ich in ein paar Stunden die nächste, noch bessere finden werde. Oder vielleicht ein Schwert oder einen Kriegshammer? Habe ich überhaupt schon passende Perks dafür? Oder kann ich mir bereits selbst etwas Gutes schmieden? Dort draußen tost und braust es, hier drinnen ist alles still.

Wenn ein Bär mich angreift ist das kein Problem. Am Anfang waren die noch fies, doch nach ein paar Stunden mache ich die ruckzuck fertig, wie alles andere eigentlich auch. Vor einigen Jahren, ja, da hatte ich Respekt vor den Drachen, auch wenn sie manchmal noch rückwärts flogen. Aber nachdem ich ein paar von denen verdroschen hatte, war das auch vorbei. Jetzt, fast acht Jahre später, beunruhigt mich hier überhaupt nichts mehr. Wenn es einmal eng wird, ziehe ich mir ein paar Heiltränke rein oder lade einfach neu. Vielleicht levele ich doch ein bisschen Magie, dann kann ich den Heilzauber benutzen.

Da draußen tost es wieder, ich ziehe die Vorhänge zu und öffne das überquellende Questlog. Ein Zwergenartefakt also, nun gut. Taschen geleert, Schnellreise zum nächstgelegenen Punkt und ab in die Ruine, so lautet der Plan. Ich werde sie alle vermöbeln und ihr Zeug klauen. Aber vorher muss ich noch zum Schmied, an den Wachen vorbei, die mir davon erzählen wollen, dass ein Pfeil im Knie ihre Abenteurerkarriere beendet hat. Ich mache einen Bogen um die. Und wenn sie doch etwas sagen, renne ich schnell weg.


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1 Kommentar

  1. Joe - 09.04.2019 13:25

    Ich kenne das nur zu gut.

    Draussen wird es kalt und ungemütlich. Schneeregen knistert an mein Küchenfenster, die Minusgrade haben meine Finger rot werden lassen.
    Hinein in die warme Stube, Getränk mal heiß gemacht, dann rüber zum Rechner – das Icon lacht von prominenter Stelle.

    Wieder mal von vorne? Aber klar doch. Diesmal was anderes? Aber klar doch. Und dann stehe ich wieder mal vor diesem Typen bei der Hinrichtung und automatisch suche ich nach den Bonuswerten für Bogenschützen. Und wieder stürzt der Drache herunter. Diesmal, bin ich mir sicher, diesmal gehe ich mit den anderen mit…

    Und doch stehe ich wieder in Flusswald beim Schmied, bringe die Klaue nicht zurück und tausche Liebesbriefchen aus. Es ist ein „Heim kommen“, ein „Ankommen“. Schon nach den ersten Takten der Musik, den ersten Schritten in der unverkennbaren Engine, den ersten Dialogoptionen weiß ich, ich bin daheim.

    Egal was ich mir vornehme, ob diesmal nur ein paar Stunden oder „ich will mal alle Quests erledigen, bis nichts mehr offen ist“, der Vorsatz hält wie der von letzen Sylvester. Es ist dann egal, denn die Familie der Klingen nimmt mich wieder auf, die Nachtigallen Rüstung passt auch heuer wieder wie angegossen, die Jarls nerven mit ihrer Unentschlossenheit.

    Aufgrund meiner Achivementliste kann ich sehen, dass ich zwischen Dezember und April Sehnsucht habe – ein Verlangen, die Berge zu besteigen und den Schnee zu spüren. Aber nicht den da draussen vor dem Fenster, der aus der Dunkelheit unvermittelt mich erinnert, dass es Elemente der Kälte und des Frostes gibt. Nein, der Schnee, der mich einsam auf einem Gipfel stehen lässt, um den Schreien der entfernten Drachen zu lauschen. Jedes Jahr aufs Neue.

    Und dann, eines Tages, völlig unerwartet, einfach so… da lacht das Icon nicht mehr vom Desktop sondern es verschwindet aus dem Fokus. Es ist einfach nicht mehr verführerisch, es lässt mich einfach kalt. Trotzdem weiss ich tief in mir drinnen – noch ein paar Monate, dann wieder. Dann packe ich den Rucksack der sehnsüchtigen Abenteuer und der unentdecken Pixelgebirge auf Neue und breche auf – natürlich diesmal mit ganz was anderem!

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