Street Power Football: Oder doch lieber Red Bull Leipzig?

Wie ich als Libero bestialisch auf die Fresse flog, sollte mein Einstieg in den Text werden. Immer so Ich-bezogen, heißt es jetzt vielleicht, doch für klassische Reviews bin ich zu intelligent und für Essays nicht intelligent genug – kleiner Witz, fügt hier bitte ein Zitat von Doktor Oetker und eine Wertung von 43 Prozent ein. Anekdoten als Basis für semi-kluge Ansichten fresse ich wie einen Besen, wenn ich zuvor beteuert habe, ich würde einen Besen fressen, wenn dieses eine kleine Fußball-Spiel nicht gut wird. Hä? Exakt.

Eigentlich ist „Street Power Football“ ganz süß, und mit süß meine ich hierbei das letzte Stückchen Cornetto-Eis, in dem sich noch ein bisschen Schokolade versteckt. Ohne das Budget von Fifa muss sich „Street Power Ultraball“ dennoch Vergleiche mit Fifa gefallen lassen; und so viel Sinn das ergeben mag, wenn man lediglich das Kernstück der jeweiligen Spiele betrachtet, nämlich, nun, Fußball, wird der Vergleich beim Preis noch deutlicher: Sowohl „Street Soccer Ultra“ als auch Fifa kosten 50 Euro.

Und nun? Nix „und nun“. Wer „Power Super Street Football“ spielt, kann gut und gerne von Fifa genau so viel gehört haben wie von Bella Thornes OnlyFan-Account. Wer ein einziges Fifa in jeder Konsolen-Generation gespielt hat, kennt sie alle, und wer sie alle kennt oder eben nicht, dürstet nach Abwechslung, die „Football Super Street“ bieten könnte, aber tatsächlich überhaupt nicht bietet – nicht für 50 Euro. Ein ganzer Fuffi!

„Streetball Foot Power“ ist ein Spiel für alle Straßenfußballer*innen, für jene, die abseits vom Kommerz-Fußball tunneln, tricksen und ballern, ballern auf die Mini-Tore auf Mini-Fußballfeldern mitten in der City. Mit einer Grafik, für die sich nicht mal die PlayStation 3 umdrehen würde. Und doch passt es zum Underdog-Charme, zur Indie-Wohlfühlblase, die weder eine starke Grafik noch stattliche Animationen braucht.

Die verschiedenen Modi bestehen zu 38 Prozent aus Quicktime-Event-Abfolgen, und für dieses Wort verlange ich einen Eintrag im Duden und einen Preis in Prozentrechnung, wobei meinem alten Mathelehrer jetzt vermutlich ein Äderchen geplatzt ist. Gruß geht raus an Herr Schneider, Sie krächzender Sittich. Drücke ich oben, unten, unten, Dreieck, befinde ich mich im sogenannten Freestyle-Modus, der ein beliebtes Genre mit Dreck verheiratet: Prügelspiel küsst Quicktime-Events. Die Liebe ist tot.

Im Mittelpunkt steht also die Figur des Spielenden auf der Bühne des Fußball-Lebens, und der Modus beginnt, wenn man anfangs eine der vielen Kombos startet, nur um dann in einer Abfolge reizender Guitar-Hero-Vibes im richtigen Moment – ja tatsächlich – irgendeinen Knopf zu drücken. Und weil ich also auf die Leiste der kommenden Knopfdrück-Befehle schiele, sehe ich gar nicht, wie meine Street-Fußballerin dribbelt und tänzelt. Durchdacht ist das nicht, aber ach, ich bin doch auch nur der Typ, der durch sein True Detective-Tattoo gar kein true detective wurde.

Für immerhin drei Minuten gelungen ist der Panna-Modus: zwei Freestyler*innen spielen auf einer kleinen Fläche gegeneinander und versuchen entweder, sich möglichst übertrieben zu tunneln oder in die klitzekleinen Tore zu schießen. Im, äh, Tunnel-Modus des Panna-Modus, den man manuell aktivieren muss, sobald die dafür benötigte Leiste geladen ist, folgen, äh, Quicktime-Events. Drei oder vier willkürlich vorgegebene Knöpfe müssen gedrückt werden. Wer mehr schafft, gewinnt. Nach den spaßigen drei Minuten seufzte ich mich komatös. Was für ein spielmechanisches Desaster, eines, das 50 Euro kosten soll, immerhin der Unternehmenswert von Facebook, wenn man Nazis und andere Feinde der Demokratie von der Plattform entfernen würde.

Einsicht in die Entwicklung des Spiels hatte ich nie. Möglich also, dass die Entwickler*innen oder der Publisher den Preis als legit fair beschreiben. Will ich das beurteilen? Nein. Was ich aber sagen kann: Ein Spiel, das mich wiederholt ins Startmenü kickt, weil Probleme mit der Cloud-Speicherung auftreten, ist keine 50 Euro wert.

Oder auch: Ein Spiel, das die Kultur von Straßenfußball zelebrieren will und somit perfekt für Mehrspieler-Modi geeignet ist, aber in meiner Spielzeit nicht ein einziges Match gegen andere Menschen zustande kam, sollte keine 50 Euro kosten. Passend scheint da die Zahl der Spieler*innen, die „Steamcharts“ unter dem Punkt „All-time peak“ angibt: 23. Das ist ungefähr die gleiche Anzahl von Menschen, die als Anwälte verkleidet die Steuerhinterziehung ihrer Fußball-Weltstars verteidigen.

Ja, immer geil unsexy diese Gags, die auf die verurteilten Straftäter im Fußball hinweisen (Gruß geht raus an *checkt die Notizen* verflixt viele), aber als jemand, der Fußball eigentlich liebt, doch uneigentlich der Meinung ist, dass jedes Top-Gehalt für verurteilte Straftäter einen Fackel-und-Heugabel-Marsch zur Folge haben sollte, habe ich Platz in meinem Herzen für alles abseits der großen Summen und Sponsoren.

(Ja, Red Bull ist schon längst Teil im Street Football, aber ich will mir meine Argumentation jetzt nicht neu überlegen.)

Die Auswahl an Szene-Größen, die sympathischen Bolzplätze, der spaßige „Street Power“-Modus, in dem bis zu 3vs3-Matches möglich sind, können nicht über die beinahe frechen Quicktime-Events hinwegtäuschen, die das Spiel als komplette Modi verkauft, aber letztlich jede Dynamik fehlt. Nach vier Stunden habe ich alles gesehen und alles probiert; schaukelte im Takt der quietschigen Chart-Beats meinen Kopf, wenn ich im krampfigen Trick-Shot-Modus einen Pfeil nach rechts oder links schiebe, bis ich nach Trial-and-(T)Error zufällig doch den richtigen Plastikstuhl in Rom treffe.

50 Euro ist viel Geld. Nichts von „Street Superpower Football Dings“ ist auch nur annähernd eine Summe wert, für die man gute bis brillante Fußball-Action bekommt wie Rocket League, Pro Evo oder auch Football, Tactics & Glory.

Und so könnt ihr froh sein, nicht noch eine Geschichte aus meinem Leben gehört zu haben. Wie viel kostet eigentlich so ein Bayern-Trikot von Manuel Neuer? Zwei, drei kroatische Nazi-Bands würden das sicher gerne wissen.


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