Japan, eine Flotte kürzlich industrialisierter Kriegsschiffe und eine Kolonialismus-Mechanik, was soll da schon schiefgehen?
Ich weiß mittlerweile schon kaum mehr, wie ich neue Texte über Addons für Victoria 3 einleiten soll – ich mache das einfach zu oft. Doch wenn ein neues großes Addon für eines meiner beiden liebsten Strategiespiele erscheint, muss ich es testen, selbst wenn ich zwischen den Flaggschiff(ha!)-Releases meist zu wenig Lebenszeit und Geduld übrig habe, um wieder tief in Victoria 3 einzusteigen.

Mit The Great Wave holen Paradox zwei Dinge nach, die in absolut jedem ihrer Grand-Strategy-Spiele irgendwann einmal anstehen. Zum einen ein großes Overhaul der Schiffkampf-Mechanik, inklusive dem unausweichlichen Schiffsdesigner-Modus, der mich noch nie in irgendetwas interessiert hat. Zum anderen ein narrativer und mechanischer Fokus auf was auch immer Japan in der entsprechenden Ära gerade tut, denn strategieversessene ‘Euro Gamer’ verlangen früher oder später immer nach dem Land der aufgehenden Sonne – und den Verkaufszahlen in Japan selbst schadet es sicher auch nicht.
Klar testet man das Addon also am besten, indem man entweder Japan, respektive das zu diesem Zeitpunkt regierende Tokugawa-Shogunat spielt, oder eines der anderen Reiche in Ostasien, die besonders stark im Kontakt mit der Inselgruppe standen. Zu den Änderungen gehört dabei auch eine Überholung von Japans damaligen Protektoraten und Kolonien, sodass man nun als Ryuku-Inseln oder Ezochi alias der kolonialisierte Ainu-Staat Hokkaido spielen kann, bevor diese annektiert und eingegliedert wurden. Beide (fürchterlich aussichtslosen und daher umso spannenderen) Spielerfahrungen haben dafür auch entsprechende Achievements spendiert bekommen.

Dennoch liegt der langfristige Fokus der Erweiterung auf den globalen Änderungen aller maritimen Mechaniken. Victoria 3 ist im Herzen ein Handelssimulator, und Warenströme bestimmen so gut wie alles andere im Spiel, egal ob Zufriedenheit der Bevölkerung oder Effektivität der Armee. Handeln über See ist naturgemäß die einfachste Art nicht nur auf den Weltmarkt zuzugreifen, sondern auch Kolonien zu versorgen oder Vasallen im Zaum zu halten. Obwohl sich bestimmte Spielweisen, auch die von europäischen Großmächten wie Preußen, Russland oder Österreich gut ohne Marine spielen lassen, lagen die spannendsten Spielweisen in Victoria immer schon hinterm nächsten Weltmeer. Das ist nun nur umso wahrer, denn eine tatsächlich brauchbare Marine aufzubauen, benötigt nun echtes Können. The Great Wave führt zum ersten Mal in Victoria 3 eine zusätzliche Bau-Pipeline ein, die sich in diesem Fall nur auf Schiffe konzentriert. Während Flotten zuvor automatisch gefüllt wurden, wenn genug Werften irgendwo im Markt waren, müssen sie nun gemanaget werden wie auch die Baureihen auf Land. Das geht zum Glück recht simpel, denn üblicherweise bin ich kein Freund davon, zuvor automatisierte Systeme unnötig zu manualisieren, nur damit sie ‘komplexer’ werden können. Hier empfinde ich es aber durchaus als Bereicherung, denn die Simulation der Komplexität von Schiffsbau gibt dem Transportweg-Simulator, der Victoria 3 am Ende ist, eine weitere Ebene unvorhersehbarer Bruchpunkte, und genau nach diesen Suche ich in Paradox-Spielen. Was soll das heißen, ein Flaggschiff zu bauen dauert 15 Jahre, und es besteht die nicht unrealistische Chance, dass es zwei Monate nach dem Auslaufen vom Trockendock untergeht? Gerade, wer zuvor gerne ‘easy mode’ gespielt hat, also Frankreich oder Großbritannien bevorzugte, kann hier einige spannende und unterhaltsame Situationen produzieren. Horatio Nelson mag zum Startdatum von Victoria 3 schon 31 Jahre tot sein, aber die überholten Seeschlachten in The Great Wave führten dazu, dass ich so manchen toten Admiral in Alkohol konserviert ins Heimatland schicken und für ordentlich Prestige und Loyalität zuhause mit viel Pomp beerdigt habe.

Trotz allem wird The Great Wave nichts daran ändern, dass ich Spieldurchläufe bevorzuge, in denen ich mich möglichst wenig mit dem maritimen Kampfsystem beschäftigen muss. Kämpfen ist allgemein einfach nicht die Stärke dieses Spiels. Viel spannender finde ich die neuen Blockadesysteme für Handelsrouten von Küstenstaaten, und insbesondere die zeithistorisch absurd passende Einführung von abriegelbaren Straßen – aber ein Achievement einzuführen, den Suez-Kanal zu bauen und dann die Straße von Hormuz zuzumachen haben sich Paradox leider nicht getraut. Feige!
Mit den für die Straßenblockaden notwendigen Küstenbefestigungen hat The Great Wave außerdem endlich noch eine Cheese-Taktik für Eroberungen ausgehebelt, nämlich Küsteninvasionen, mit denen die KI-kontrollierten Gegner seit Release des Spiels in 2022 schlicht nicht klarkamen. Wie oft ich in den vergangenen Jahren mit fünf Bataillonen auf drei Fischerbooten direkt in Sankt Petersburg angelandet bin, obwohl Russland mit knapp tausend Verbänden in Westpolen oder der österreichischen Ukraine wütete, kann ich mittlerweile nicht mehr zählen.
Wobei, das Entfernen dieser speziell russisch angehauchten Situation dürfte das Spiel nach aktuellem Wissensstand wohl eher unrealistischer gemacht haben.
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