Operation Löwenzahn

Falls ihr vorhabt, den ersten Akt von Broken Age zu spielen, hier ein kostenloser Tipp für euch: Das Spiel lässt euch völlig frei zwischen beiden Protagonisten wechseln. Es ist sogar möglich, es mit einem Charakter durchzuspielen, bevor man den zweiten überhaupt anrührt. Nur sinnvoll ist das von der Erzählstruktur her nicht. Tut euch einen Gefallen und wechselt. Weitere spoilerfreie Eindrücke zum Spiel findet ihr hier.

Wenn ihr den ersten Akt durchgespielt habt, seid ihr herzlich eingeladen, mit uns über Geschichte, Rätsel, Charaktere und Hintergründe zu plaudern.

Solltet ihr Broken Age gar nicht spielen wollen, habt ihr heute frei.

Doreen Doreen: Ich habe auf dich gehört, Chris, und habe Broken Age ganz unbefleckt begonnen. Auch im Vorfeld hatte ich mich nicht groß mit dem Spiel beschäftigt. Ja gut, ich kenne Tim Schafer und habe auch irgendwas mit Kickstarter mitbekommen, aber für mich kommt es nach wie vor nicht in Frage, Geld in etwas zu investieren, was es irgendwie noch gar nicht gibt. Aber gut, dass Menschen existieren, die das tun, denn sonst würde es Broken Age nicht geben. Habt ihr gut gemacht!

Die mir liebsten Kreationen von Tim waren Grim Fandango, Day of the Tentacle und Brütal Legend. Die beiden Ersteren haben mich positiv in meiner Jugend beeinflusst und das Letztere bereitete mir vor einigen Jahren amüsante Stunden bei guter Musik und tollen Figuren, sowie leicht diffusen Strategiekämpfen. Und vorhin startete ich dann Broken Age, dieses Spiel, für das ich mir extra einen Steam-Account anlegte. Erwartungshaltung? – Kaum, ich habe keine Ahnung.

Okay, Start: Jaaaaaa, hübsch ist es. Kannst du dich noch an den Zeichenstil in Day of the Tentacle erinnern? Das war zwar weniger pastellig als Broken Age, aber die… naja ich sage mal, die Anatomie war schon ähnlich. Alles ein bisschen krumm und schief. Regale, Fenster, Häuser, es gibt irgendwie keine geraden Linien. Ich habe keine Ahnung, wie Tim Schafer Regie führt bei der Entstehung, aber ich kann mir richtig vorstellen, wie er zu den Zeichnern sagt, so und so. Es darf alles sein, nur nicht gerade. Aber ich sehe all das nach den vielen Jahren mit Videospielen auch zunehmend nüchterner, muss ich gestehen. Ich will jetzt nicht sagen abgestumpft, aber die etwas reifere Zunft kennt Tim und sein Talent ja mittlerweile. Natürlich kann er mich immer noch begeistern, er ist geübt, er kennt sich aus. Aber ich gehe heute schon anders da ran. Ja selbst bei Brütal Legend, welches noch nicht allzu lang zurückliegt, war es anders.

Was mich etwas verwundert hat, ist, dass ich neben dem umwerfenden ersten Eindruck fürs Auge und Ohr, emotional seltsam unberührt war. Guuut, es ist noch der Anfang und der Motor muss noch warm laufen etc.pp., aber ich dachte tatsächlich, mit dieser großen Aufmachung sollte der Pfeil eigentlich direkt ins Herz gehen – aber das tat er nicht. Ich will das jetzt auch noch gar nicht überdramatisieren, aber sowohl Vella als auch Shay haben nach ihren jeweiligen ersten halben Stunden keine Plus-, aber auch keine Minuspunkte sammeln können. Ich bin irgendwie noch gar nicht wirklich paralysiert. Viel eher so… neutralisiert?

Broken Age

Chris Chris: Okay, zugegeben, ich habe Broken Age auf Kickstarter mit einem ziemlich erheblichen Betrag gesponsort, weil mich die Dokumentation des Entwicklungsprozesses interessiert. Bisher habe ich noch nicht eine Folge der Doku gesehen. Die schaue ich mir komplett an, sobald sie auf BluRay meinen Haushalt erreicht. Klar ist aber, dass ich deshalb ausgesprochen wohlwollend und vielleicht zu unkritisch an das Spiel herangegangen bin. Wenn man bei Kickstarter Geld in ein Projekt steckt – und von Broken Age existierte im Gegensatz zu anderen Projekten, die schon halb fertig sind, wenn sie dort eingestellt werden, praktisch nichts – dann will man natürlich daran glauben. Man will, dass es ganz großartig wird.

Begonnen habe ich mit Vella, und ich hatte keine Ahnung, was mich erwarten würde. Deshalb war ich auch echt baff, dass das Maiden’s Feast nicht irgendeine Art Jugendweihe bedeutet, sondern dass die jungen Frauen geopfert werden! Geschickt, wie sich das in den Dialogen mit der Familie langsam herausschält. Das macht gleich zu Beginn diesen Kontrast so klar: Mit süßer Musik und superknuddeligen Zeichnungen wird eine wirklich düstere Geschichte erzählt. Schade, dass das viele Spieler so nicht erleben werden, weil die Bedeutung des Maiden’s Feast schon in praktisch jedem Review und in den offiziellen Trailern erklärt wird.

Shays Einstieg fand ich deutlich langatmiger. Dass er auf dem Raumschiff komplett nichts zu melden hat, sondern nur Fake-Missionen für Fünfjährige absolviert, ist nicht halb so interessant wie das Erscheinen von Mog Chothra, aber der Beginn soll hier natürlich auch rüberbringen, dass er furchtbar gelangweilt ist und sich eingesperrt fühlt.

Die Ausgangssituationen mit ihren typischen Teenagerproblemen, die völlig ins Extrem übersteigert sind, fand ich insgesamt aber vielversprechend. Vella, für die sich die ganze Welt falsch und ungerecht anfühlt, obwohl sich jeder außer ihr prima arrangiert zu haben scheint. Vella, die sich entscheidet, zu kämpfen. Auf der anderen Seite Shay, der – von einem Raumschiff! – völlig übertrieben bemuttert wird und schließlich in einer der Fake-Missionen sein Leben riskiert, um aus diesem Trott auszubrechen, überhaupt mal etwas Spannendes zu erleben und sich lebendig zu fühlen. Ungewissheit! Adrenalin!

Doreen Doreen: Ich glaube, ich muss mich etwas korrigieren. Ich würde eventuell doch mal Geld in etwas investieren, was es noch nicht gibt. Vielleicht habe ich das auch schonmal getan, mir fällt momentan nur nicht ein, wo das gewesen sein könnte. Diese BluRay würde mich im übrigen auch interessieren. Die wird dann sicherlich auch erst nach dem zweiten Akt fertiggestellt oder?

Chris Chris: Da auch die Entwicklung des zweiten Aktes dokumentiert wird, ist davon auszugehen.. Ob und in welcher Form die Dokumentation für Leute verfügbar wird, die sie nicht direkt bei Kickstarter bestellt haben, weiß ich nicht. Eine große Collector’s Edition wird es sicher geben, alles andere wäre schon sehr seltsam.

Doreen Doreen: Jetzt, wo ich Akt 1 durch habe, können wir uns auch ganz ungeniert darüber unterhalten. Ich uninformiertes Ding wusste ja nun gar nichts über die Story, aber selbst das machte das Maiden’s Feast nicht unbedingt größer. Überrascht hat mich nicht die Opfergabe als solche, sondern eher, dass die erzählte Geschichte damit gar nicht mehr so „lustig“ erschien. Ich hatte damit echt nicht gerechnet. Den wenigen Bildern, die ich kannte nach zu urteilen, habe ich eher eine zarte Liebesgeschichte vermutet – insgeheim, muss ich zugeben. Warum eigentlich nicht mal soetwas? Aber vielleicht kommt das auch noch, wer weiß das schon.

Ich habe auch, wie du, mit Vella begonnen – ich lasse auch als Frau den Frauen immer den Vortritt und außerdem ist sie niedlicher, haha. Aber trotz ernsterem Hintergrund, sind die meisten Figuren ja überaus witzig. Das fängt mit den Dialogen an, die fantastisch geschrieben und vertont sind und hört bei einigen Rätseln bzw. den Vorkommnissen, die zu ihnen führen, auf. Lustig fand ich vor allem die Dinge, die mir so am Rande aufgefallen sind. Zum Beispiel die Tatsache, dass man Shay zum ersten Mal lachen sieht, als er den Abgrund runterfällt. Dem war das scheißegal, ob er dabei draufgehen könnte. Hauptsache den öden Trott durchbrechen. Oder der Holzfäller bei Vella, der aus seinem Gemälde über dem Kamin die Bäume rausgerissen hat, weil diese ihn angeblich „anstarren“, hahahaha. Paranoia in lustig, wenn man das überhaupt so sagen kann – Tim Schafer kriegt dabei mit Leichtigkeit die Kurve.

Chris Chris: Mir ging es das ganze Spiel hindurch häufig so, wie du es beim Maiden’s Feast beschrieben hast. Diesen Gegensatz zwischen der lockeren Präsentation mit ihren Absurditäten und auch ein paar witzigen Momenten einerseits und den ernsten, düsteren Grundthemen auf der anderen Seite, den fand ich sehr ansprechend. Shays Lachen, als er in den Abgrund stürzt, ist gleichzeitig witzig und erschreckend. Vella erläutert an einer anderen Stelle einem Lebewesen einer anderen Spezies in allen Details, wie einer seiner Artgenossen brutal gefoltert wurde! Damit er sich übergeben muss, sie braucht schließlich seine Kotze. Das ist eigentlich bitterbitterböse – und wird durch die Tatsache, dass der Typ ein Baum ist, fast vollständig entschärft. Aber nur so weit, dass man trotzdem noch merkt, wie düster und eiskalt das ist, was man da gerade macht.

Broken Age

Doreen Doreen: Ja, total. Das war lustigerweise auch der Zeitpunkt im Spiel, an dem ich rätseltechnisch etwas ins Stolpern kam. Ich habe jetzt im Nachhinein in einigen Artikeln ein paar wenige Kritikpunkte gelesen, auf die ich kurz eingehen möchte, da ich das zum Teil etwas anders aufgefasst habe. Es ist nämlich so, dass ich die Rätsel nicht zu leicht fand. Kopfnussalarm war es zwar auch nicht, aber ich kann nicht behaupten, dass ich einschläfernd unterfordert war. Klar, Drag & Drop und alles mal Durchklicken ist schnell gemacht, aber so empfand ich das gar nicht. Ehe ich beispielsweise den Fischmüll am Hafen fand, ist gefühlt eine halbe Ewigkeit vergangen. Entweder ich bin wirklich dumm und ihr viel schlauer als ich, oder, äh, keine Ahnung.

Chris Chris: Der Vorwurf hat, denke ich, zwei Ursachen. Erstens kündigt das Spiel den Lösungsweg bei so einigen Rätseln bereits lautstark an, bevor das eigentliche Rätsel überhaupt auf der Bildfläche erscheint. Wenn einem dauernd mitgeteilt wird, wie schwer die goldenen Eier wären, sucht man natürlich nach einem Gewichtsrätsel.

Zweitens darf man nicht vergessen, von wem das Spiel auf Kickstarter vorfinanziert wurde. Natürlich von den Hardcore-Adventurefans, die Schafers frühere, teils deutlich schwerere Adventures kennen. Die haben sich natürlich ein Spiel erhofft, dass speziell ihre Zielgruppe bedient und wenig Kompromisse für die Masse eingeht. Das löst Broken Age aber nicht ein. Es ist von vorneherein auf Touchbedienung ausgelegt, lässt das altbekannte „Betrachten“ mittels rechter Maustaste beispielsweise völlig weg, und es lässt sich relativ flüssig durchspielen, obwohl die Fans, die Financiers, ganz klar Kopfnussalarm erwartet hätten. Ich sehe da – und das ist eigentlich mein Hauptvorwurf an Broken Age – nichts, was ein Publisher nicht auch finanziert hätte.

Doreen Doreen: Ja siehste, die Touchsteuerung. Soweit denke ich da erstmal gar nicht, weil ich das einfach nicht auf Touchgeräten spiele.

Aus dramaturgischer Sicht finde ich die Idee, das Spiel in zwei Teile aufzusplitten, sehr gut. Ja, Budget-Gründe und so weiter, aber ich finde sogar, dass es Broken Age auch in erzählerischer Hinsicht wohl tut. Der extrem starke Cliffhanger am Ende gibt dem Ganzen nochmal einen besonderen Kick. Denn obwohl ich Vella und Shay immer in kurzen Etappen abwechselnd spielte, sind mir schon starke Unterschiede im Spannungsbogen aufgefallen. Ich will nicht zu hart klingen, aber mich hat der Storystrang von Shay von Beginn an so gar nicht packen können. Zwar nicht durch und durch, aber gerade im Shay-Part hätte ich ein- bis zweimal den Braten auch fast gerochen. Du fandest diesen Part ja auch anfangs etwas zäh, hatte sich das bei dir im Laufe des Zocks dann gebessert?

Broken Age

Chris Chris: Nein, hat es nicht. Im Gegenteil. Ich habe erst Vellas Geschichte in einem Rutsch bis zum kotzenden Baum gespielt und danach Shays Handlungsstrang von Anfang bis Ende. Zum Abschluss dann das letzte Maiden’s Feast aus Vellas Sicht. Dass das so nicht besonders gut funktioniert, weiß man als Spieler im ersten Durchlauf ja nicht!

Marek wird wohl jeder von Beginn an suspekt finden, das ist nicht das Ding. Aber wenn man Broken Age in dieser Reihenfolge angeht, ist eigentlich gleich, als Shay den vierten „Flüchtling“ nicht zu fassen kriegt, klar, dass das Vella ist. Die Computergrafik ist zu dicht an den realen Greifarmen. Es passt einfach alles zu gut. Wenn man das durchschaut hat, findet man alles, was Shay noch weiter tun muss, aber grundsätzlich dämlich. Ich will Marek enttarnen und nicht den Greifarm reparieren, auch wenn das Sprühsahne-Rätsel ganz süß ist.

Der Schluss des ersten Aktes hat mich, gelinde gesagt, enttäuscht. Wie man Mog Chothra vom Himmel ballert, ist das, was mich am Spiel grafisch am wenigsten überzeugt hat. Den Twist habe ich leider kommen sehen, und dass die beiden Protagonisten die Plätze tauschen, lässt mich für den zweiten Akt ganz schlimmes Backtracking befürchten. Es liegen ja noch einige Rätsel – Schlange und Horn, zum Beispiel – ungelöst in der Gegend herum, die sicher für den zweiten Akt gedacht sind. Ich hoffe, dass man trotzdem noch einige neue Schauplätze zu sehen bekommen wird.

Doreen Doreen: Haha, beim Kampf gegen Mog habe ich erstmal planlos auf die Augen geschossen und mich gewundert, dass nichts passiert. Au wei.

Ansonsten, ja, würde ich alles so unterschreiben. Man kann natürlich jetzt gerne sagen, Tim Schafer-Adventures spielt man eher wegen den Charakteren und den kleinen lustigen Details, im Groben stimmt das auch, aber ich habe bei Broken Age tatsächlich etwas gegen die Langeweile ankämpfen müssen. Und das schreibe ich etwas der bis dato erzählten Geschichte zu und dem zwar passenden, aber leicht ziellos wirkenden Shay-Teil. So schön ich die ganze Aufmachung finde, so richtig gepackt hat es mich leider nicht. Deshalb finde ich den Cliffhanger, auch wenn man ihn teilweise kommen sehen kann, gar nicht so verkehrt. Er sorgt zumindest dafür, jetzt ein kleines Gefühl der Neugier bei mir zu entfachen, welches mir während des Spielens leider etwas abging.

Broken Age muss, gelinde gesagt, ein kleines Zähnchen zulegen im zweiten Part. Aber wenn, wie du schon sagtest, Backtracking dazukommt oder die Handlung nicht etwas straffer wird, puhh, ich weiß nicht… Bisher fehlt mir der entscheidende Punkt, weshalb man das Spiel denn unbedingt spielen sollte. Der Unterhaltung wegen? Ja, hauptsächlich, aber ich fühlte mich nur mäßig bis gut unterhalten, nicht mehr, nicht weniger. Ich bin nicht enttäuscht, da ich, wie schon gesagt, keine großen Erwartungen hatte, aber wenn ich noch zurückblicke, wie ich damals beispielsweise von Day of the Tentacle nicht genug bekommen konnte, das ist mit heute kaum zu vergleichen.


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